von schimmi am 11. September 2004, 23:23
New Yorker Subway im Volkspalast
Begehbare Filminstallation - Hörraum mit Filmspuren von Penelope Wehrli
Die schweizer Künstlerin Penelope Wehrli setzt Zeichen: die New Yorker
Subway macht Station in der einstigen Empfangshalle des DDR-Palastes. Vom
Bahnsteig aus beobachtet man Gewaltverbrechen, die im Kriminalroman „Coup
der Berdache“ des Wahlberliners Michael Roes angelegt sind und den
narrativen Gehalt des knapp dreistündigen Abends: „Heute Mittag sitzt er
nicht im Beijing“ liefern.
Performt wird mit Hilfe dieser Romanvorlage, einer Rauminstallation, fünf
Video- und drei Tonspuren, einer Klanginstallation und drei Schauspielern.
Leicht und schön ist dabei das konzentrierte Setting der Installation: „die
Maschine“, in die sich die drei hervorragend besetzten Schauspieler als ein
Teil des Spielwerkes eintakten müssen: zwei transparente Leinwandkreise,
drehbare Videobeamer und Wände, Holzboxen mit Leinwänden und den
Liveakteuren. Entsprechend den drei Romanfiguren sind fünf Filmspuren
parallel angelegt, die sich im Raum bewegen, ineinander fließen und die live
von den Schauspielern synchronisiert werden.
Eine asketische Filmästhetik arbeitet mit sich wiederholenden Totalen, die
den Zuschauer direkt in die Augen blicken. Dennoch entbehrt diese entfernt
an die „Viewer“ von Gary Hill erinnernde Formsprache jener Eindringlichkeit
von Videoinstallationen, die es vermögen, ohne Narration auszukommen.
Und so wird dem Besucher über einen dreikanaligen, einseitigen Funkkopfhörer
ein Konvolut von mehr als 100 A4-Seiten Romantext eingeflüstert, in welchem
dieser selbständig navigieren muß.
Zwangsläufig entsteht durch das hin- und herswitchen zwischen den drei
Erzählperspektiven ein individueller Textschnitt der Romanvorlage von
Michael Roes. Fraglich dabei bleibt, inwieweit dieser Roman die Kraft
mitbringt, den Zuhörer auf jeder beliebig angewählten Seite in seine
Geschichte einzubinden, inhaltlich zu fesseln. Auf die Gesamtdramaturgie,
einen Spannungsbogen, ein Bildschnittkonzept wartet man an diesem Abend
möglicherweise stundenlang, letztlich aber vergeblich. Die Hälfte der
Besucher werden mit der Kunst allein gelassen, wenn sie für sich selbst
keinen sinnvollen Bild- und Tonschnitt herstellen können oder wollen.
Die Regisseurin möchte im inzwischen herbstkühlen Palast bewußt keine
mitgebrachten Unterhaltungswünsche bedienen, sondern vielmehr herkömmliche
Wahrnehmungssysteme stören und eine neue Perzeptionsweise von Umwelt
erreichen. Dieser Anspruch an Kunst reiche tiefer als jeder
Unterhaltungswert, jede Verantwortungsübernahme für Sinnzusammenhänge, die
zwangsläufig immer dazu verurteilt sind, an der Oberfläche zu bleiben - oder
die überlebte Idee vom politischen Theater etwa und: Gott ist tot: „Das
Beste ist vermutlich, du vergißt die Worte und hörst allein auf den Klang.“
Das Sounddesign, das die Essenz einer 15jährigen Koproduktion von San
Auinger und Bruce Odland ist und den Umgebungssound des Palastes in den
Innenraum zu transformieren verspricht, läßt einige Wünsche offen.
Weder als alleinige Installation oder Performance, noch als klassischer
Theater- oder Kinoabend kann diese Arbeit betrachtet werden. Vielmehr möchte
sie ein neues künstlerisches Experiment an genau diesen Schnittstellen und
somit eine Feldforschung zur menschlichen Wahrnehmung sein.
Leider wird dabei nicht konsequent auf den Anspruch eine Kriminalgeschichte
transportieren zu wollen verzichtet. Die Verantwortung für den Abend wird
somit an den Autor des Romans und an den Zuschauer selbst abgegeben. Dieser
ist jedoch nicht interaktiv ins Geschehen eingebettet, sondern von ihm wird
eine einsame Perzeption des Spielwerkes erwartet.
Die Idee, über die Spiegelung einer inhaltlichen und bebilderten Oberfläche
in eine wahre Tiefe der Erkenntnis einzudringen, kann selbst ein geschulter
Betrachter nur schwer herauskristallisieren.
Ein „Bravo“ den Schauspielern und den wenigen überlasteten Mitarbeitern.
Und wer nun Lust bekommen hat, eigenverantwortlich herauszufinden, warum da
FBI-Agenten in Sado-Maso-Clubs skalpiert werden und wo die Gelder der
Kulturstiftung des Bundes landen, bekommt sogar ein kleines Jägerstühlchen
mit auf seinen individuellen Weg durch einen bestechend schönen Raum: noch
heute und morgen abend 19.30 Uhr im Volkspalast.