Magisterarbeit über Theaterfotografie

Austausch über die Besonderheiten der Theaterfotografie

Moderator: Frank

Magisterarbeit über Theaterfotografie

Beitragvon Evelyn am 16. Oktober 2004, 14:29

Hallo liebe Leute in diesem Forum!

Mein Name ist Evelyn, ich studiere Theaterwissenschaft und arbeite an meiner Magisterarbeit über Theaterfotografie, wobei ich den Fokus auf die technischen und ästhetischen Entwicklungen innerhalb dieser Disziplin legen will.
Das kann ich mir alles ziemlich gut aus Büchern und meiner eigenen Fotopraxis, (und ein bisschen was hab ich ja auch an der Uni gelernt) zusammenreimen.

Wozu ich DRINGEND Informationen und Hilfe benötige ist, wie Profis heute arbeiten, wie der Kontakt zum Regisseur oder zum Dramaturgen ist, also wie viele Informationen bezüglich der Inszenierung ein Fotograf bekommt.
Gibt es Fotoproben und wenn ja, wann sind die im Probenprozess?
Ist die Frage Farbe oder S/W heute noch relevant und was wird bevorzugt und warum?

Fragen über Fragen und ich habe noch 1000 mehr.
Vielleicht hat ja jemand Lust einer Studentin zu helfen? Mich würd es sehr SEHR freuen.

Beste Grüße
Evelyn.
Evelyn
 

Re: Magisterarbeit über Theaterfotografie

Beitragvon Frank am 18. Oktober 2004, 17:28

Hallo Evelyn,
willkommen im Forum. :D

Evelyn hat geschrieben:Wozu ich DRINGEND Informationen und Hilfe benötige ist, wie Profis heute arbeiten, wie der Kontakt zum Regisseur oder zum Dramaturgen ist, also wie viele Informationen bezüglich der Inszenierung ein Fotograf bekommt.


Ich vermute, dass das an jedem Theater etwas anders gehandhabt wird. In Wittenberg wurde die Presse zur Generalprobe eingeladen und durfte während dieser fotografieren. Als Information stand die Pressemitteilung und das Programmheft zur Verfügung. Regisseur und Dramaturg waren vor, während und nach der Probe anwesend und haben ggf. Fragen beantwortet.

Der Hausfotograf durfte ab der ersten Hauptprobe fotografieren. Manchmal wurden aber einige "zu frühe" Fotos verworfen :roll:, wenn kurzfristig das Bühnenbild, die Maske oder das Kostüm korrigiert wurde.

Eine Fotoprobe in dem Sinne gab es nicht.

Evelyn hat geschrieben:Gibt es Fotoproben und wenn ja, wann sind die im Probenprozess?


Es gibt Theater, an denen werden Fotoproben eingeplant. Diese Proben liegen dann sehr nah an der Premiere, weil - wie oben schon angemerkt - Bühne, Maske, Kostum und Licht :!: endgültig sein müssen.

Evelyn hat geschrieben:Ist die Frage Farbe oder S/W heute noch relevant und was wird bevorzugt und warum?


Für die Pressearbeit dürfte S/W relativ bedeutungslos geworden sein. Anders bei Fotos für Aushänge und Plakate. Da werden noch sehr gern S/W-Fotos verwendet. Warum? Theaterfotos sind traditionell S/W und gelten nach wie vor als wirkenvoller.

Ich hoffe du kannst etwas mit meinen Ausführungen anfangen.

Viele Grüße
Frank
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Vielen Dank

Beitragvon Evelyn am 20. Oktober 2004, 12:18

Vielen Dank für die schnelle Antwort!

Und ich habe da dann doch noch einige Fragen (ist sowas wie ne Krankheit, heißt Wissbegier und scheint erblich bedingt)

Von wem genau wird denn nun S/W bevorzugt?
(ich persönlich finde S/W ja nicht so toll für Theaterfotos, stellt man sich z.B. Robert Wilsons Arbeiten in S/W vor... hey, das geht gar nicht. Farbe ist da so elementar, wie überhaupt in den meisten Inszenierungen heute. Licht und damit auch Farbe tragen soviel zur Stimmung auf der Bühne bei)

Und wer entscheidet letztendlich darüber, welche Bilder in die Schaukästen und ins Programmheft kommen?

Mir ist bei vielen Programmheften aufgefallen, dass die Fotos darin überaus... nun... unzutreffend auf die Inszenierung sind und im nachhinein sehr enttäuschen, weil eben sehr oft weder Bühne noch Licht stehen oder weil Perspektiven gewählt wurden, die ein Zuschauer so nie zu sehen bekommt.
Wie genau ist die persönliche Herangehensweise eines Theaterfotografen? Kannst du mir das aus deinem Erfahrungshorizont schildern?

Was soll Theaterfotografie leisten? (das ist eine große Frage in meiner Arbeit und ich weiß es einfach nicht genau. Dokumentieren? Archivieren? Werben? Illustrieren? Irgendwie alles aber was macht dann ein gutes Theaterfoto aus?)

beste Grüße
Evelyn.
Evelyn
 

Beitragvon Frank am 20. Oktober 2004, 16:04

Argumente für S/W habe ich folgende gehört:
Die Farbe lenke vom Wesentlichen ab
Die Fotos wirken "natürlicher"
Technische Argumente:
Filmmaterialauswahl ist größer, weil bis ISO 3200 im Handel
Grobe Körnung würde bei S/W - im Gegensatz zu Farbe - gut "wirken" - insbesondere bei großen Abzügen.

Wer die Auswahl der Fotos für Schaukästen und Programmhefte trifft, dürfte von Haus zu Haus unterschiedlich sein. (Werbeabteilung, Pressestelle, Dramaturg, Intendant...)

Die erste Auswahl trifft aber der Fotograf. (Der sollte nie seinen Ausschuss zeigen. Gibt nur Ärger :evil:)

Leider ist es an Theatern - wegen Personaleinparung - üblich geworden, die Erstellung der Programmheften Werbeagenturen zu überlassen. Die haben von Theater wenig Ahnung und werden halt irgendwie - aber wenig in Bezug auf das Stück und die Inszenierung - kreativ.
Programmhefte bilden deshalb nur selten eine Einheit mit dem, was auf der Bühne passiert.

Vergessen darf man nicht, dass die Programmhefte vor der Premiere gedruckt werden müssen. Redaktionsschluss dafür ist fast immer früher als die Fotoprobe. Daher rüht auch, dass Programmhefte oft den von dir beschriebenen Mangel aufweisen.

Dass Theaterfotos oft Perspektiven haben, die der Zuschauer nie zu sehen bekommt, liegt daran, dass manche Fotografen nicht reproduzieren, sondern selbst Kunst machen wollen.

Für mich war der Ansatz immer der, dass Darsteller, Regie, Bühnenbilder, die Beleuchter usw. die Künstler sind. Meinen Job habe ich so verstanden, dass ich die "fertige Kunst" auf das Bild bringe.

Was soll Theaterfotografie leisten? (das ist eine große Frage in meiner Arbeit und ich weiß es einfach nicht genau. Dokumentieren? Archivieren? Werben? Illustrieren? Irgendwie alles...


Fotos werden auch zur Dokumentation gemacht. Schon aus dem Grund, dass Bühnentechnik, Requisite usw. eine Arbeitserleichterung haben.

Die Presse will den Skandal: den blanken Busen, die zerhackte und blutverschmierte Schaufensterpuppe... Und die Presse will den Star: Harald Schmidt, No-Angel Lucy

Theaterfotos sind aber auch Zeitdokumente: Der junge Horst Tappert in seinen ersten Rollen. Wer hätte das geahnt!

aber was macht dann ein gutes Theaterfoto aus?)


Idealerweise erkennt man das Stück auf dem Foto! Ein gutes Theaterfoto sollte die Stimmung der Szene 1 zu 1 auf das Papier bringen: Gleich schlägt er zu! Sie ist verzweifelt! Hier haben wir das große Finale!
___________________________________________

In der Praxis - also im Theateralltag - sieht es dann noch so aus, dass alle Beteiligten hohe Erwartungen an die Fotos haben. Es müssen Befindlichkeiten berücksichtigt werden. Der Proporz muss stimmen usw. Das Ergebnis ist oft die "Schere im Kopf", quasi eine Art Zensur. Ein großes Thema für sich. :lol:

Viele Grüße
Frank
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Wow

Beitragvon Evelyn am 21. Oktober 2004, 21:03

Wow!!! Das steht in keinem Buch! Das hilft alles ungemein! :D
Meine Herangehensweise ist bislang ja doch eher theoretischer Natur gewesen und soll ja bei einer Magisterarbeit auch sein. Selbst denken und so ist nicht angesagt :(

Bei meiner Untersuchung konzentriere ich mich auf ausschließlich drei Inszenierungen des "Faust".
(Der Titel ist übrigens: Die Evolution der Theaterfotografie - gezeigt anhand dreier Faust-Inszenierungen)

Kennst Du vielleicht die Fotos von Rosemarie Clausen (Gründgens Faust-Inszenierung) und Ruth Walz (Peter Stein)? Wo sind die anzusiedeln, ich meine, sind solche Bildbände bzw. deren Fotos meinungsbildend in eurer Zunft? Oder gehen die mit dem Trend?

vielen lieben besten Dank
Evelyn. :)
Evelyn
 

Beitragvon Frank am 22. Oktober 2004, 13:16

Da muss ich dich leider enttäuschen. Über die Praxis in Sachen Theaterfotografie kann ich viel berichten.
Wie Theaterfotos kunsthistorisch einzuordnen sind und welche Entwicklungen es gibt usw. - keine Ahnung. Da wird es sehr schwer sein kompetente Gesprächspartner zu finden.

Viele Grüße
Frank
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Beitragvon Evelyn am 26. Oktober 2004, 14:31

Ja, kunsthistorischen Kram hab ich ja selbst. Das ist kein Problem, da kann ich dich mittlerweile mit totquatschen... zumindest bis ungefähr 1930, dann hören die Untersuchungen nämlich schlagartig auf und werden auch in neuen Büchern (z.B. von 2003) nicht aufgegriffen.

Weil es da nichts gibt, will ich schließlich was dazu schreiben. Aber da die Theorie dann doch erst nach der Praxis kommt (zumindest in Kunst- und Geisteswissenschaften), wäre es für mich sehr interessant zu erfahren, wie Theaterfotografen andere Theaterfotografen und deren Arbeiten beurteilen.
Du hast ja geschrieben, dass du eher dokumentarisch arbeitest und den Theatermachern das Inszenieren auf der Bühne überlässt. Und es gibt die anderen, die sich auf die Beleuchterbrücken schwingen und das Lichtkonzept missachten. Findet da aber zwischen Theaterfotografen ein Ausstausch statt? Oder sind es einfach zwei Stile und gut.
Du kennst sicherlich einfach mehr Theaterfotografen und deren Arbeiten als ich (arme dumme UniWurst :oops: )

beste Grüße
e.
Evelyn
 

Beitragvon Frank am 27. Oktober 2004, 13:49

In der Praxis hatte ich mit ausgebildeten Theaterfotografen bisher nichts zu tun. Sehr viele Theaterfotos werden von Leuten gemacht, die überhaupt keine fotografische Ausbildung oder nur eine sehr allgemeine haben. Mein Prinzip war auch "learning by doing".

Die Fotos der "Kollegen" bewerte ich die Technik und die Szene. Arbeiten, die mit Zusatzlicht gemacht wurden, halte ich generell für inakzeptabel. Die Szene auf dem Foto sollte auch gut rübergebracht sein.

Bei den beiden "Stilen" neige ich dazu, einerseits von Theaterfotos und anderseits von Foto zu sprechen, die im Theater gemacht wurden. Für das Tagesgeschäft im Theater (Werbung usw.) sind nur Theaterfotos interessant.

Vielleicht lässt sich das etwas mit Produktfotografie vergleichen. Vom Produktfotografen erwartet man eine handwerklich sauber fotografierte Weinflasche und keine Interpretation.

Es muss auch das bedacht werden: Theaterfotografen, die von ihren Fotos leben, müssen diese verkauft bekommen. Die Wünsche der Auftraggeber stehen da über den persönlichen Geschmäckern der Fotografen.

Viele Grüße
Frank
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Beitragvon Evelyn am 27. Oktober 2004, 14:14

Wie genau könnte bzw. sieht so eine Formulierung eines Auftraggebers aussehen?

Na, ich merk schon, es scheint ein ziemlich knallhartes Geschäft mit Theaterfotos zu sein. Wie ja so ziemlich jeder Bereich der Fotografie.
Nix Philosophie und Kunstgedanke solang die Kasse nicht stimmt.
Die Realität ist zu grausam für uns Geisteswissenschaftler... vielleicht bleiben wir deshalb so lange in und an unserer trauten Uni.
Aber hilft ja nichts.

Beschäftigst du dich mit einem Theaterstück bevor du es ablichtest? Also liest du den Text oder etwas in der Art?

beste Grüße
e.
Evelyn
 

Beitragvon Frank am 27. Oktober 2004, 15:57

Evelyn hat geschrieben:Wie genau könnte bzw. sieht so eine Formulierung eines Auftraggebers aussehen?

Das ist so wie überall im Journalismus. Wer Schrott abliefert, bekommt keinen Auftrag mehr. Was "Schrott" ist, muss mehr oder weniger jeder selbst herausfinden.

Als ich am Theater fotografiert habe, kannte ich die Stücke und die Inszenierungen ziemlich gut, weil ich auch für die Materialbestellung, für die Pressetexte, für die Homepage und für die GEMA verantwortlich war. Den Probenprozess konnte (und habe) ich von Anfang an verfolgt.

Manche Kollegen von der Presse hatten den Auftrag, "im Theater ein paar Fotos" zu machen. Die kannten kein Stück und waren manchmal nach dem ersten Akt schon wieder weg. :shock: Manche haben gleichzeitig noch die Kritik für die Zeitung geschrieben. :shock:

Das muss aber nicht überall so sein. Es gibt schon noch Häuser, die fest angestellte Theaterfotografen haben.
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Beitragvon Evelyn am 29. Oktober 2004, 15:57

Na, dann ist ja noch Hoffnung!
:D

Sag mal, kennst du zufällig einige Theaterfotografen, die mir einen kurzen Fragebogen (9 Fragen dauert vielleicht ne halbe Stunde) beantworten würden?
Dann könnte ich nämlich mal so einen kleinen Überblick bekommen, wie das ganze Procedere an verschiedenen Häusern s gehandhabt wird.
Hier aus München habe ich schon einige und auch sonst aus der Umgebung, aber cool wäre es natürlich, wenn ich das quer durch Deutschland hinbekommen würde und von Häusern verschiedener Größe etc. Je mehr je besser!
Soll ja schon repräsentativ sein.

beste Grüße und ein schönes langes Wochenende
e.
Evelyn
 

Beitragvon Frank am 31. Oktober 2004, 21:41

Mit Theaterfotografen kann ich dir nicht direkt weiterhelfen. Aber schau mal hier: http://www.google.de/search?hl=de&c2coff=1&q=theaterfotograf&meta= Mail doch einfach mal ein paar von denen an.

Einen schönen Wochenstart wünscht
Frank
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Hilfe!!

Beitragvon Tine am 8. November 2004, 19:04

Hallo Evelyn!
Ich bin hier gelandet, weil ich am nächsten (!!!) Montag ein Referat über Theaterfotografie halte. Ich habe bisher noch rein gar nichts. Und ich dachte mir, dass du bestimmt ein paar gute Literaturtips in Sachen Geschichte und Entwicklung hast?! Auch fände ich diese Fragebogen sehr interessant :wink: ! Ansonsten bin ich für jeden Tip und jeder Art von Hilfe dankbar!!
Liebe Grüße, Tine.
Tine
 

Nostalgie

Beitragvon Gast am 9. März 2005, 18:06

Nach einer halben Ewigkeit, die ich eingeigelt in Bibliothek und stillem Kämmerlein verbracht habe...
bin ich nochmal da, jetzt ist meine Arbeit fertig. Ein ziemlicher Klotz. Wenn jetzt also noch jemand Fragen zur Geschichte und Entstehung und so weiter zur Theaterfotografie hat... immer her damit.

Und vielen Dank an alle.
Evelyn :D.
Gast
 

Beitragvon Frank am 9. März 2005, 22:21

Hallo Evelyn,

schön, wieder von dir zu lesen. Kann man deine Studie irgendwo lesen? Würde mich sehr interessieren. :D

Viele Grüße
Frank
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